EhrenpreisträgerInnen


Ehrenpreis 2016


Ehrenpreisverleihung „Regenbogen-Bleistift“

SCHLAU-Mönchengladbach hält Laudatio für die Evangelische Kirche im Rheinland

 

Wir haben jetzt die Ehre, den 2. Ehrenpreis, den Regenbogen-Bleistift 2017, an die Evangelische Kirche im Rheinland, für ihr großes und fortschrittliches Engagement im LSBTI* Bereich zu übergeben.

Wir sind der Meinung, dass der CSD-Mönchengladbach e.V. damit eine schöne Tradition geschaffen hat, dass die Träger_innen des Ehrenpreises des Vorjahres, den Preis hier und heute überreichen dürfen. Wir geben damit sozusagen das Olympische Feuer für Emanzipation und Partizipation weiter.

 

Wir haben uns in Vorbereitung auf diese Laudatio auf eine Reise durch die Kirchengeschichte der Evangelischen Kirche im Rheinland begeben, eine spannende Geschichte, in der wir zurück bis in die 1990er Jahre reisten. Und waren äußerst positiv überrascht, dass das Thema Homosexuelle Liebe eine ganze Landessynode, 1992, füllte.

Besonders fiel uns auf, dass die Evangelische Kirche im Rheinland, nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich, für das Jahr 1992(!) mit ihren akzeptierenden, wie wertschätzenden Aussagen, ihrer Zeit weit voraus war und ist.

 

In diesem Jahr wurde das Thema Homosexuelle Liebe in der evangelischen Kirchengemeinschaft und die Diskussion um die Gestaltung des Miteinanders aller Individuen als notwendig angesehen und als ein Thema, welchem man nicht ausweichen dürfte.

Besonders nennenswert empfanden wir folgende Passagen aus dem Synodenpapier:

 

„Es gibt Homosexualität, die anlagebedingt ist. Eine Therapie für diese Form von Homosexualität ist weder möglich noch nötig.“ Außerdem wird gesagt, dass es homosexuelle Liebe gibt, die sich in partnerschaftlichen Treueverhältnissen gestaltet und den Segen der Kirche sucht. Homosexuell lebende und liebende Menschen sollen, so die Feststellung der Synode, in den Gemeinden nicht länger übersehen werden.

Diese Erkenntnisse sind gerade deshalb so bedeutsam, weil der §175, welcher Homosexualität in Deutschland unter Strafe stellte, erst 2 Jahre nach der Synode, also 1994, abgeschafft wurde.

 

Innerhalb dieser Synode wurde festgehalten, dass die gesamte Synode sich darin einig sei, dass eine moralische Verurteilung von homosexuell lebenden und liebenden Menschen dem Geist des Evangeliums nicht entspräche und seelsorgerlich nicht weiterführe.

Innerhalb der Diskussion waren die Teilnehmer_innen äußerst betroffen, ja sogar erschrocken, von homosexuell liebenden Menschen zu hören, wie sie sich durch bewusste oder unbewusste Urteile und Verhaltensweisen, in den Gemeinden, verachtet und abgelehnt fühlten. Sie haben in diesem Prozess gelernt, so berichteten sie selbst, wie wichtig Kontakt und Auseinandersetzung mit dem Thema Homosexualität sind, um Unkenntnis und falsche Vorstellungen abzubauen. Die Synode richtete eine grundlegende Erwartung an ihre Gemeinden, zum Abbau von Vorurteilen, welche besagten:

 

„Wir wünschen uns, dass sich viele Christinnen und Christen für die Begegnung mit homosexuell lebenden Menschen öffnen und sich so auf den Lernprozess einlassen, den wir in unseren Ausschüssen durchlebt haben. Viele von uns hoffen darüber hinaus, dass die Gemeinden solche Begegnungen Raum geben und selber zu einem Raum werden, in dem die Gemeinschaft der Verschiedenen wächst und sie so gemeinsam Gott die Ehre geben.“

 

Rund 20 Jahre nach der Synode setzen Aufklärungs- und Antidiskriminierungsprojekte wie SchLAu genau bei diesem Verständnis an, nämlich mit LSBTI*-Menschen in den direkten Dialog zu treten um Vorurteile und Stigmata abzubauen. An dieser Stelle ein großes Dankeschön und einen kräftigen Applaus an die Evangelische Kirche im Rheinland, für die Fortschrittlichkeit in einer Zeit, in der homosexuelle Liebe mit das größte Tabu in der Gesellschaft war.

 

Bevor wir in der Geschichte der Evangelischen Kirche im Rheinland weitergehen den Themenbereich der Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren betrachten, möchten wir das Jahr 1992 noch mit einem letzten prägnanten Satz aus der Synode abschließen, welcher besagt, dass Heterosexualität und Homosexualität verschiedene Ausprägungen der einen vielgestaltigen menschlichen Sexualität sind.

 

Im Jahr 1996 setzte sich die Evangelische Kirche im Rheinland erstmals mit den Themen „Trauung und Segnung“ von homosexuell liebenden Menschen auseinander. Diese ebnete den Weg für das Jahr 2000.

Seitdem erhalten Paare in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft, während eines Gottesdienstes die Segnung für ihr gemeinsames Lebensglück und den gemeinsamen Lebensweg. In diesen Jahren gab es noch keine Trauung, wie bei heterosexuellen Ehepaaren, da die Segnung nicht in das Kirchenbuch eingetragen wurde. Dennoch stellt es einen Meilenstein dar. In der Landschaft der verschiedenen Religionsgemeinschaften, gerade unter den christlichen Ausrichtungen, werden in der Evangelischen Kirche im Rheinland Liebende jeder sexuellen Orientierung aktiv in das Gemeindeleben integriert und ihre Liebe und Verbundenheit werden im gemeinsamen Gottesdienst wertgeschätzt und gefeiert.

 

Die akzeptierende Haltung der Evangelischen Kirche im Rheinland wird durch das folgende Zitat aus dem Jahr 2000 noch einmal hervorgehoben:

„Wir erkennen an, dass Menschen auch in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften ihr Miteinander an Liebe und gegenseitiger Fürsorge, Verbindlichkeit, Verlässlichkeit und Ausschließlichkeit orientieren. Viele dieser Lebensgemeinschaften sind auf Dauer angelegt und haben ihrem Selbstverständnis auch einen öffentlichen Charakter. Jeder Diskriminierung und Demütigung homosexuell lebender Menschen sollte die christliche Gemeinde entgegentreten. Deshalb verdienen auch gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften Achtung und Schutz.“

 

Die Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren während eines Gottesdienstes war der Anfang, auf welchen weitere, positive Veränderungen aufbauen konnten. In diesem Jahr, im Januar 2016, beschloss die Kirche im Rheinland, dass homosexuell lebende und liebende Menschen in den Gemeinden eine Trauung erhalten können. Die kirchliche Trauung von Paaren mit einer eingetragenen Lebenspartnerschaft ist demnach eine anerkannte Amtshandlung und wird in den Kirchenbüchern eingetragen. Paare die vor dem diesjährigen Beschluss lediglich den Segen in einem Gottesdienst erhielten, können sich bei ihrer Gemeinde melden, sodass auch Ihr geschlossenes Band der Liebe in das Kirchenbuch eingetragen wird und somit eine Gleichstellung erfolgt.

 

 

Und nun möchten wir der Evangelischen Kirche für ihr großartiges, vorbildliches, wertschätzendes und akzeptierendes Engagement danken und überreichen Ihnen feierlich den Regenbogen-Bleistift 2016. 


Ehrenpreis 2015













Die Laudatio hielt Georg Roth aus Köln, Fachberater für ältere Lesben und Schwule:



Liebe Freundinnen und Freunde von SchLAu-Mönchengladbach,


 erstmal herzlichen Glückwunsch zu dieser Auszeichnung. Ihr habt sie zu Recht verdient.

 

Denn: SchLAu ist eines der ganz großen Erfolgsmodelle in der Vielfalts-  und Emanzipationsarbeit der queeren Community in NRW. Aber auch eines in der Vielfaltspolitik unserer Landesregierung, die dafür von uns allen hier mal einen großen Applaus verdient hat.

 

So wie schon die bürgerschaftlich Engagierten in der Schwulen- und Lesbenbewegung, in den AIDS-Hilfen, und der Positivenselbsthilfe, seid auch ihr Menschen, die sich selbst als Botschafter_innen ihrer eigenen Lebensweise ehrenamtlich zur Verfügung stellen, um eine Gesellschaft von Gleichberechtigung, Chancengleichheit und Akzeptanz zu verwirklichen.

 

Im Zentrum eurer Arbeit steht die Begegnung zwischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans*. Dahinter steckt die Idee,  dass Vorurteile und Klischees durch die direkte Begegnung wirkungsvoll hinterfragt und abgebaut werden können.

 

"Damit nicht mehr über uns geredet wird, sondern mit uns!"

 

 Die Demonstrationen von sog. „besorgten Eltern“ und anderen pietistischen Gruppen zeigen, dass die Ergebnisse der Studien zur Homo- und Transphobie zutreffen: Wesentliche Gründe für Homonegativität sind

       ein starres Rollenbild (also:  was ist „richtig männlich“ , was ist „richtig weiblich“)

        eine fundamentale religiöse Weltanschauung

       und: Unkenntnis

 

Gerade gegen die Unkenntnis richtet sich eure Arbeit.

 

Ihr leistet damit einem bedeutenden Beitrag zur Antidiskriminierung, zu effektiver Gewaltprävention und zu demokratischer Menschenrechtsbildung.

 

Unsere gemeinsame Vision ist eine Gesellschaft ohne Ausgrenzung und Homophobie. In einer Gesellschaft der Vielfalt muss auch die sexuelle Vielfalt benannt werden und sichtbar sein.

 

Der CSD MG würdigt heute die Arbeit von SchLAu MG. Und das zu recht.

 

Die Schlauen aus MG, gut geschult und auf die Aufgabe vorbereitet, vermitteln authentisch, dass gleichgeschlechtliche Liebe mehr bedeutet als Sexualität. Mit der schlauen Kiste im Gepäck, werden die Mechanismen von Diskriminierung, Homo- und Transphobie erfahrbar.

 

In der Arbeit mit älteren Lesben und Schwulen in NRW sind wir gerade dabei, ein ähnliches Konzept zu entwickeln, damit sich die älteren Lesben und Schwulen in die Senior_innenpoltik und Senior_innenarbeit in der Kommune , aber auch im eigenen Quartier als sichtbare Aufklärer_innen und Alltagsexpert_innen einbringen und einmischen.

 

Manchmal träume ich von einer intergenerativen Zusammenarbeit zwischen SchLAu und „immer dabei“, wir wären dann: „Schlimmer-dabei.“

 

Simone de Beauvoir hat einmal gesagt: „Glück ist: so zu Leben wie alle Welt und doch zu sein wie kein anderer.“ Gleiche Chancen für alle + Ich darf so bleiben wie ich bin! Dafür wollen wir weiter arbeiten.

 

Ich gratuliere Euch zu Auszeichnung und wünsche Euch weiterhin viel Kraft und die notwendige politische aber auch finanzielle Unterstützung durch Kommune und Land.